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derStandard.at | derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
24. Oktober 2008
18:28 MESZ

Hinweis:
Eine Ausstellung mit Drucken nach den Original-Dias ist bis 2. November im Leopold-Museum zu sehen. MQ, Museumsplatz 1, 1070 Wien

 

Christian Brandstätter (Hg.), "Wien. Die Welt von gestern in Farbe" . Mit Texten des Herausgebers, von Gerald Piffl und Christian H. Stifter. € 39,90 / 224 Seiten. Christian Brandstätter Verlag, Wien München 2008.


BILDBAND
Nachkoloriert, nicht beschönigt
Farbreproduktionen, ob auf Papier, Bildschirm oder Leinwand, sind die Norm. Schwarz-Weiß bedeutet vielleicht Kunst oder "realistische" Reportage, meist aber Vergangenheit

Damals war sie die Norm, die Farbe war das Ideal, das man herbeigemalt hat, wenn man es schon nicht technisch reproduzieren konnte. So machten sich lange vor den Akkordarbeitern in den Disney-Studios, die jeden Trickfilmkader kolorierten, Spezialisten an die Arbeit, um Bildern das wahrere Leben einzuhauchen. Sie waren vom pädagogischen Eifer getragen, und eine frühe Technik hieß denn auch Skioptikon - die Sichtbarmachung von Wissenschaft und Forschung, von fremden Ländern und Naturwundern für bildungshungrige Interessierte. Skioptikon war auch im Wiener Bildungswesen (Urania!) um die Wende zum 20. Jahrhundert ton- bzw- bildangebend. Vorträge wurden von projizierten Glasplatten begleitet, ein Schatz an solchen Diapositiven häufte sich an. 60.000 von ihnen wurden vor kurzem im Österreichischen Volkshochschularchiv entdeckt, laut dem Fotohistoriker Gerald Piffl wahrscheinlich der weltweit umfassendste Bestand.

Der Verleger Christian Brandstätter hat mehr als 300 von ihnen ausgewählt und nach geografisch-sozialen Kriterien zu einem Bildband über Wien zusammengestellt. Die Stadt präsentiert sich hier nachkoloriert, aber nicht beschönigt. Denn neben vielen offiziellen Veduten und Panoramen überwiegen die Nahaufnahmen vom kleinbürgerlichen bis zum lumpenproletarischen Milieu (auf der Doppelseite oben etwa der Karlsplatz mit dem Einstiegskiosk zu den Kanälen und rechts das unterirdische Leben in diesen Kanälen; alle Fotos von Hermann Drawe). Viele "Wiener Typen" von Emil Mayer sieht man zu teils sehr detailreich buntem Leben erwachen, wie überhaupt diese archaische Technik den frühen technischen Farbverfahren durchaus überlegen war. Der sinnliche Reiz, merkt Brandstätter an, "macht unsere eigene Geschichte in neuer Weise erfahr- und erlebbarer". (Michael Freund, DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.10.2008)

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